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MAZ-Diplomarbeit: Windkraft wohin?

Die Debatte um Windräder kommt in Schwung



120 Windräder – 46 Standorte


Der Kanton Zürich will mit der Windkraft die Stromproduktion fördern. Die Baudirektion hat dazu Windpotenzialgebiete evaluiert und die Pläne im Herbst 2022 publik gemacht. Auf insgesamt 46 Standorten sollen 120 Windturbinen aufgestellt werden. Werden alle Anlagen erfolgreich gebaut, decken sie rund 7 Prozent des kantonalen Strombedarfs ab.

 

Doch die Bevölkerung in den betroffenen Gebieten ist nicht ganz zufrieden. In den Gemeinden regt sich Widerstand.

Deutlich macht dies z.B. der Windradstandort in den Gemeinden Weisslingen und Russikon. Der Kanton sieht Potenzial für eine Turbine im Gebiet Furtbüel – eine Anhöhe mitten im Wald.










Der Windkraft-Befürworter



Philip Holoch (50), Ingenieur und Präsident des Fördervereins Windenergie in Weisslingen und Russikon, engagiert sich für ein Windrad in Furtbüel und hält fest: «Eine Turbine erzeugt genügend Strom für alle Haushalte in beiden Gemeinden».

Die drei wichtigsten Argumente für ein Windrad sind aus seiner Sicht Unabhängigkeit vom Ausland, CO2-Reduktion als Massnahme gegen die Klimaerwärmung und «lokale Wertschöpfung». Letzteres bedeutet, dass der Erlös des Windrads in der Gemeinde bleibt. «Da reden wir pro Windrad von 50'000 Franken pro Jahr», sagt Philip Holoch.

Windkraft-Gegner versuchen derzeit in mehreren Gemeinden, die Mindestabstände zu Wohn- und Bauzonen von heute 300 auf neu 1000 Meter zu erhöhen. In Russikon hatten sie damit Erfolg: An der letzten Gemeindeversammlung stimmten über 90 Prozent der Stimmberechtigten für die Erweiterung des Mindestabstands – ein Zeichen gegen den Ausbau der Windenergie.

«Wir konnten leider nicht genügend mobilisieren», sagt Philip Holoch, kritisiert aber auch die Gegnerschaft. In Russikon sei vor allem mit Ängsten argumentiert worden und der Gemeinderat habe einseitig informiert. Dieser habe Videomaterial der Windkraft-Gegner verwendet. Philip Holochs Verein habe hingegen versucht fair und sachlich zu bleiben.

Holoch hört oft von Betroffenen: «Ja, ich bin ja schon für Windenergie, aber nicht bei uns». Windenergie sei jedoch eine Bürde, die in einer Gesellschaft anfalle.



Der Windkraft-Gegner



Rainer Egle (61) ist Computer-Fachmann und Fotograf. Mit seinem Verein «windenergie-weisslingen-russikon.info» setzt er sich seit letztem Sommer gegen das geplante Windrad in Furtbüel ein. Da er am Waldrand wohnt, wäre er auch direkt betroffen.

Dass in Russikon die Erweiterung des Mindestabstands so erfolgreich angenommen wurde, ist auch Rainer Egles Verdienst. Während des letzten Jahres führten er und sein Verein zahlreiche Gespräche mit Bürgerinnen und Bürgern. «Wir wollten nicht sagen: Du musst auch dagegen sein. Sondern wir sagten: Informiere dich!», sagt Egle.

Für Rainer Egle sind folgende Argumente entscheidend: Wald-Rodung für Windturbinen, Lärm-Emissionen, Störung des Landschaftsbilds und Liegenschaften-Entwertung. Dabei spricht er aus eigener Erfahrung: Vor mehr als 20 Jahren hatten sich er und seine Frau ein Ferienhaus im Osten der USA gekauft. Mitten in der Natur – ohne Strom, ohne Fliesswasser und ohne Telefonleitung.

Nach ein paar Jahren wurde bekannt, dass in diesem idyllischen Gebiet, mehrere Dutzend Windturbinen gebaut werden sollen. «Wir haben zwar eine Nacht geweint lang und sagten uns, dass es halt so ist, und dies dafür die Welt retten würde», sagt Rainer Egle. Später wurden dem Ehepaar die negativen Konsequenzen bewusst und entschied sich dafür, gegen die geplanten Windturbinen zu kämpfen. Ihr Widerstand endete erfolglos – die Windräder wurden gebaut.

Besonders stört Rainer Egle der Lärm, den die Turbinen verursachen. «Es ist ein konstanter Ton, das klingt wie ein Flugzeug, das nicht landet», sagt der Windkraft-Gegner und fügt hinzu: «Früher konnte ich zur Erholung dort hinreisen, heute nervt es einfach».


Das Ferienhaus von Rainer Egle und seiner Frau. (zVg)


Die Bevölkerung


Die Gemeinde Wald (ZH) stimmt voraussichtlich ebenfalls bald über einen 1000-Meter-Mindestabstand ab. Aus diesem Grund organisierte die Gemeinde letzten November ein Podium mit Windkraft-Befürwortern, -Gegnern, Energieunternehmen, Fachleuten und Behörden.

Nach der Veranstaltung sticht ein Punkt heraus: Das Windkraft-Potenzial wird von den meisten Besuchern eher gering eingeschätzt. «Es ist ja nicht zufällig, dass all die grossen Windanlagen an den meernahen Gebieten in Norddeutschland oder Portugal stehen», sagt ein Besucher, der Zweifel am Nutzen der Windräder äussert.

 

Es gibt aber auch optimistischere Stimmen: «Man kann doch einige Energie rausholen, auch wenn es ein kleiner Teil bleibt», sagt eine Besucherin und fügt an, dass man nun auf mehreren Wegen nach neuen Stromquellen suchen müsse. Ein anderer Besucher meint, er würde gerne keine Windräder haben, aber es sei «wahrscheinlich ein Teil, wo man nicht darauf verzichten kann».


Die Gemeinden



Der Kanton Zürich hat zwei Mal Vertreterinnen und Vertreter der betroffenen Gemeinden zum sogenannten «Wind-Dialog» eingeladen. Dort notierten sie ihre Fragen, Anregungen und weitere Ansichten auf Post-Its. Die Veranstaltungen waren nicht öffentlich. Wir konnten aber nun – gestützt auf das Öffentlichkeitsgesetz – Dokumentationen des Wind-Dialogs einsehen. Die Dokumente zeigen: Eine Mehrheit der Gemeinden steht der Windkraft generell positiv gegenüber – viele fordern eine «rasche Umsetzung». Gründe sind möglicherweise Mehreinnahmen durch den «Windzins» etc.








Doch die Gemeinden stellen auch Forderungen und Bedingungen: Es seien Anreize zu schaffen und Entschädigungen zu zahlen. Die Gemeinde und die Bevölkerung sollen vom Windrad finanziell profitieren können.



Der Kanton


Generell gilt bei der Windkraft: Kantonales Recht vor kommunalem Recht. In einem Mail an die Gemeinden stellt die kantonale Baudirektion die rechtliche Situation klar und schreibt, dass es keine «kommunale Kompetenz» für zonenübergreifende Abstandsvorschriften gibt.


Fazit


Die Diskussion um Windräder im Kanton Zürich wird unter anderem von Emotionen, persönlichen Vorurteilen und ideologischen Haltungen geprägt. Während die Mehrheit der Gemeinden die Windenergie grundsätzlich akzeptiert, bleiben in bestimmten Punkten Skepsis und Unsicherheiten bestehen. Für die Bevölkerung stellt sich die zentrale Frage: Ist das Windpotenzial so gross, dass es ein Eingriff in die Landschaft rechtfertigt?

Als Nächstes wird die kantonale Baudirektion den Richtplan mit den festgelegten Eignungsgebieten vorstellen. Der Richtplan enthält alle Potenzialgebiete, die in die engere Auswahl kommen.

 

Bei Bevölkerung, Gemeinden und Kanton sind weitere Kontroversen zu erwarten.


 

Dieser Beitrag entstand im Rahmen meiner Diplomausbildung Journalismus am MAZ in Luzern. Im April 2024 führt ihn die Journalistenschule unter dem «Best of Diplomarbeiten 2022 – 2024» auf. Das Audio-Feature wurde mit 5.9 benotet, die multimediale Umsetzung mit einer 5.5.


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